Vom großen Werben um den höchsten Stuhl - von denen die nach der Krone griffen

Illustration zum Märchen: Eine steinerne Hand hält eine goldene Krone im Wald

Es war einmal ein kleines Königreich, gelegen zwischen dunklen Wäldern, sanften Hügeln und milden Tälern.

Lange hatte dort ein König regiert. Doch eines Tages legte er Krone und Zepter nieder und verkündete:

„Nun soll das Volk entscheiden, wer nach mir über dieses Land wachen soll.“

Und so geschah es, dass ein jeder, der sich für klug, würdig und geeignet hielt, seinen Hut in den Ring werfen durfte.

Wer aber das Volk am meisten überzeugte, dem sollten am Ende die Tore des Schlosses geöffnet werden.

Kaum war dies verkündet, begann im Reich ein geschäftiges Treiben.

Allen voran trat ein ehemaliger Fürst hervor, dessen Glanz schon bessere Tage gesehen hatte. Er betrachtete sich im Spiegel, strich sein Gewand glatt und sprach:

„Warum eigentlich nicht ich?“
War manches Werk auch schon verbrannt, manch guter Ruf davongerannt, so denkt der Fürst bei sich geschwind: „Wie gut, dass Menschen vergesslich sind.“

Und also zog auch er wieder hinaus, voller Zuversicht und mit jener beneidenswerten Gewissheit, die besonders jene Menschen besitzen, die an sich selbst nur selten Zweifel hegen.

Da trat noch eine andere auf den Plan.

Eine Dame, die schon lange ein Auge auf den Thron geworfen hatte. Sie eilte von Dorf zu Dorf, sprach hier, versprach dort und ließ kaum eine Gelegenheit verstreichen, sich dem Volke zu zeigen.

Doch wie es manchmal geschieht, wenn einer allzu fest nach etwas greift: Die Leute begannen hinzusehen.

Und wer hinsieht, der sieht bisweilen mehr, als ihm gezeigt werden sollte.

Denn schon in den Jahren zuvor hatte die Dame manche Fäden gesponnen. Goldtaler waren geflossen für Spiel, Klang und Bühnenkunst, auf dass das Volk sich erfreue.

Das allein wäre wohl niemandem verdächtig erschienen.

Doch hieß es hinter vorgehaltener Hand, dass jene, die ihr besonders nahestanden, erstaunlich oft dort zu finden waren, wo Vorteile, Einfluss und gute Geschäfte verteilt wurden.

Ob daran etwas war?

Nun - in einem Märchen soll man dem Erzähler nicht alles glauben. Man soll selbst die Augen offen halten.

Doch noch war nicht aller Tage Abend.

Noch war der höchste Stuhl nicht vergeben, noch manches Wort nicht gesprochen und noch viel Wasser musste den Fluss hinunterfließen, ehe sich zeigen würde, wem das Volk am Ende sein Vertrauen schenkte.

Denn eines wusste man selbst im kleinsten Königreich:

Die Menschen lassen sich nicht gerne übers Ohr hauen.

Manchmal aber geschieht etwas, womit diejenigen, die sich schon hinter den Mauern des Schlosses wähnen, am wenigsten gerechnet haben:

Das Volk beginnt, selbst nachzudenken.

Wie die Geschichte ausgeht?

Das, liebe Leserinnen und Leser, steht noch auf keinem Blatt.

Denn die Feder schreibt noch.